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Lebensspur Michael Kempf

Michael Kempf

Lebensspur Michael Kempf

Preisträger

„Alle sprechen über Inklusion, die oft nicht funktioniert. Dabei sollte man das Thema Behinderung gar nicht so in den Fokus stellen, sondern ganz selbstverständlich damit umgehen.“


Den 2. Januar des Jahres 1985 wird Michael Kempf nie vergessen. Es ist der Tag, auf den er sechs Monate lang mit unbändiger Willenskraft und großer Disziplin hingearbeitet hat. Der Moment, als der junge Zimmermann sich selbst und seinem Umfeld beweist, dass er sich durch nichts aus der Spur bringen lässt. Ein halbes Jahr, nachdem der damals 20-jährige Geselle beim Ausmessen eines Dachstuhls in die Tiefe stürzte, kehrt er als Rollstuhlfahrer in den elterlichen Betrieb zurück – nur wenige Tage nach seiner Entlassung aus der Reha-Klinik. „Mir war sofort nach dem Unfall klar, dass ich in meinem Beruf weiterarbeiten werde“, sagt der heute 51-Jährige. „Etwas anderes kam für mich nie in Frage.“ Dieses Ziel hat Michael Kempf erreicht. In diesem Jahr feiert das erfolgreiche Familienunternehmen J. Kempf Holzbau GmbH im saarländischen St. Ingbert unter seiner Führung 90-jähriges Bestehen. Dass er einmal in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters treten würde, wusste der heutige Zimmerermeister bereits in jungen Jahren. Als Kind verbrachte er viel Zeit in der Werkstatt und war fasziniert von der gestalterischen Arbeit mit dem natürlichen und nachhaltigen Bauelement Holz. Nach seiner Lehre im Familienbetrieb übernimmt der junge Geselle als Polier schnell leitende Verantwortung, bevor er sich an der Meisterschule anmeldet.

Als wenige Monate später der tragische Unfall geschieht, scheint Michael Kempfs berufliches Ziel zumindest für sein Umfeld zunächst gescheitert zu sein. Der junge Zimmerer hingegen glaubt fest an sich und seine Fähigkeiten. Nach der Diagnose Querschnittlähmung wird der Gedanke an den elterlichen Betrieb zu seiner größten Motivation: „Ich wusste, wo ich hingehöre und wo nach der Entlassung mein Platz sein wird“, sagt er rückblickend. Das Umschulungsangebot der Berufsgenossenschaft zum Kaufmann lehnt er strikt ab und stürzt sich stattdessen mit vollem Eifer in die Rehabilitationsphase. Unterstützung erhält er besonders in den ersten Wochen nicht nur von seiner Familie und Freunden, sondern auch von Ärzten und Therapeuten im Krankenhaus. „Sie haben mich sehr aufgebaut und mir gezeigt, was mit dem Rollstuhl alles möglich ist“, erinnert sich Kempf. „Das war eine sehr wichtige Motivation für mich.“ Nach zehn langen Wochen im Krankenhaus startet die Reha-Phase mit einem straffen Trainingsplan. Neben der Physiotherapie ist für den damals 20-Jährigen besonders das intensive Rollstuhltraining eine große Hilfe. „Ich lernte, dass ich mich mit der entsprechenden Übung sehr eigenständig bewegen und sogar Sport treiben konnte.“ Schon bald stellen Bordsteine und einzelne Stufen keine allzu großen Hindernisse mehr dar und Rollstuhl-Basketball wird zu einem leidenschaftlichen Hobby.


Kurz vor Weihnachten wird Michael Kempf aus der Reha entlassen und kehrt zu seiner Familie zurück. Wenige Tage später nimmt der junge Rollstuhlfahrer seine Arbeit wieder auf. Im Büro des Betriebs arbeitet er sich in die planerischen und betriebswirtschaftlichen Aufgaben ein. An den herzlichen Empfang der Kollegen denkt der heute 51-Jährige gern zurück: „Ich habe mich vom ersten Moment an sehr gut aufgenommen gefühlt. Der Respekt war immer da.“ Die Unterstützung seines Umfelds und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten helfen dem Zimmerer, seinen beruflichen Weg weiterzugehen. Er meldet sich an der Meisterschule an und findet in der Bundesfachschule des Deutschen Zimmerhandwerks in Kassel eine Ausbildungsstätte, die nahezu barrierefrei ist – in den 80er Jahren eine große Ausnahme. Die Hilfsbereitschaft der Fachschule ist groß: Die Verantwortlichen lassen den Toilettenraum vergrößern, um ihrem neuen Schüler den uneingeschränkten Zugang zu ermöglichen, und unterstützen ihn aktiv bei der Wohnungssuche. Als der Rollstuhlfahrer in Kassel keine adäquate Wohnung findet, vermittelt der Geschäftsführer ihm ein Zimmer im nahe gelegenen Studentenwohnheim. Herzlich aufgenommen wird Kempf auch von seinen Mitschülern. Bis heute hält er Kontakt zu einigen befreundeten Meistern.

Neun Monate lang lernt er von Buchhaltung über Arbeitspädagogik alle wichtigen theoretischen Grundlagen zur Betriebsführung. Auch der praktische Teil bereitet dem angehenden Meister keine Schwierigkeiten, da alle planerischen Arbeiten im Modellbau entwickelt werden. Unterstützung bietet zudem die zuständige Berufsgenossenschaft: Sie finanziert nicht nur den Besuch der Meisterschule, sondern stellt auch ein spezielles Zeichengerät zur Verfügung, das die Arbeit im Sitzen erleichtert. Nach seiner Rückkehr in den elterlichen Betrieb im Frühjahr 1987 hat der junge Meister jede Menge zu tun, um die auftragsstarke Saison vorzubereiten. Er übernimmt die planerischen Arbeiten, schreibt Angebote und kümmert sich um das Rechnungswesen. Als sein Vater schwer erkrankt, wird vor allem der Onkel zu einer wichtigen Bezugsperson. Er steht dem künftigen Nachfolger mit Rat und Tat zur Seite und unterstützt ihn nach Kräften bei der allmählichen Übernahme. Der plötzliche, unerwartete Tod des Onkels 1996 bedeutet für Michael Kempf einen emotionalen Einbruch. Aufgefangen wird er in dieser schweren Zeit von seinem starken Umfeld: Seine damalige Partnerin und heutige Ehefrau Gerlinde, die engagierte Mutter sowie die langjährigen Kollegen helfen Michael Kempf, sich in seiner offiziellen Rolle als junger Unternehmer in dritter Generation zurechtzufinden.

Wie schon sein Großvater und der inzwischen verstorbene Vater legt der neue Chef von Anfang an großen Wert auf ein familiäres, vertrauensvolles Verhältnis zu seinen aktuell sieben Mitarbeitern. Gemeinsam haben sie eine Vielzahl wichtiger Bauten im Saarland errichtet und sind besonders für ihre Kompetenz im Bereich Denkmalpflege anerkannt. Dass er die Handwerker im Gegensatz zu anderen Betrieben auch außerhalb der Saison beschäftigt, ist für ihn selbstverständlich. „Wir sind eine Top-Mannschaft“, sagt der 51-Jährige mit großem Stolz. Dieser enge Zusammenhalt hat dem Unternehmer auch in Krisenzeiten den Rücken gestärkt: Arbeitsunfälle, bei denen Kollegen schwer verletzt wurden, haben Michael Kempf persönlich sehr getroffen und zudem die schmerzhaften Erinnerungen an seinen eigenen Schicksalsschlag wieder aufgerissen. Seit 2013 leitet der Zimmerermeister das Unternehmen gemeinsam mit einem Partner, mit dem er sich die anfallenden Aufgaben teilt: Während Michael Kempf vom Schreibtisch aus Projekte plant und die Büroarbeiten organisiert, übernimmt sein Kompagnon die Baustellenleitung und Koordination vor Ort. Ebenso unproblematisch ist die meist langjährige Zusammenarbeit mit Kunden und Architekten. Sofern die eigenen Räume nicht barrierefrei sind, besuchen sie Michael Kempf zur Besprechung in seinem Büro.


Auch privat lässt sich der 51-Jährige von Barrieren kaum einschränken. Der Unternehmer ist sehr auf seine Unabhängigkeit bedacht und geht ganz natürlich mit seinem Handicap um. Er hat es als Teil seines Lebens akzeptiert, der auch seine Persönlichkeit geprägt hat. Indem er sein berufliches Ziel trotz widriger Umstände nie aus den Augen verloren sowie stets fest an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten geglaubt hat, hat Michael Kempf neben seiner natürlichen Zielstrebigkeit auch einen enormen Kampfgeist entwickelt.
Diese Eigenschaften spielen auch bei seinem großen Hobby eine wichtige Rolle, das er nach seinem Unfall nicht aufgegeben hat. Seit seiner Kindheit segelt der Unternehmer leidenschaftlich gern und nimmt seit Jahrzehnten an Weltmeisterschaften und europaweiten Wettkämpfen teil. Michael Kempfs Bootsklasse wird von Menschen mit und ohne Behinderung gesegelt. Dass körperliche Einschränkungen bei den Regatten keine Rolle spielen, begeistert ihn am meisten: „Wenn man in dem Boot sitzt, gibt es keine Behinderten oder Nicht-Behinderten mehr, sondern nur Segler.“ Diese gleichberechtigte Betrachtung wünscht sich der Unternehmer auch in anderen Lebensbereichen: „Alle sprechen über Inklusion, die oft nicht funktioniert. Dabei sollte man das Thema Behinderung gar nicht so in den Fokus stellen, sondern ganz selbstverständlich damit umgehen.“

Neben einem entspannenden Ausgleich zum straffen Berufsalltag hat er seinem Hobby die Liebe seines Lebens zu verdanken. Vor genau 20 Jahren lernt Michael Kempf beim Segeln seine heutige Ehefrau Gerlinde kennen, die ihren damals dreijährigen Sohn Tobias mit in die Beziehung bringt. Von Anfang an nimmt er den Jungen ganz selbstverständlich an und zieht ihn gleichberechtigt auf. Die beiden Männer verbindet bis heute ein enges Vertrauensverhältnis. Dass Tobias beruflich eine andere Richtung als sein Ziehvater einschlägt und den Familienbetrieb nicht fortführen wird, ändert daran nichts das Geringste. „Genau wie bei mir muss dieser Wunsch ganz von selbst kommen“, sagt Kempf. „Man kann niemanden dazu zwingen.“ Ob Familienmitglieder, enge Freunde oder Kollegen: Die große Unterstützung seines Umfelds war für Michael Kempf zu jeder Zeit seines Lebens sehr wichtig. Der Austausch mit Menschen, die in der gleichen Situation sind, hat ihm besonders nach dem Unfall sehr geholfen. „Ich habe zum Beispiel von befreundeten Seglern, die ebenfalls im Rollstuhl sitzen, viele wertvolle Tipps bekommen“, sagt Kempf. Das reicht von rein praktischen Fragen zur Beweglichkeit bis hin zum emotionalen Umgang mit Rückschlägen und Krisensituationen. „Es geht nicht nur darum, an sich selbst zu glauben. Man muss sich auch anderen anvertrauen können“, sagt der 51-Jährige.

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Lebensspur Saliya Kahawatte

Saliya Kahawatte

Lebensspur Saliya Kahawatte

Preisträger

„Meine Lebensgeschichte appelliert an alle Menschen, stets an sich selbst und die eigenen Träume zu glauben. Wir sollten uns von niemand anderem sagen lassen, was wir können und was nicht.“


Als Saliya Kahawatte eines Morgens die Augen aufschlägt, ist der Radiowecker auf dem Nachttisch nur noch ein konturloser, verschwommen leuchtender Fleck. Seine anfängliche Verwirrung steigert sich schnell in nackte Panik. Er ist 15 Jahre alt, als sich plötzlich und ohne Vorwarnung die Netzhaut ablöst. Durch die schwere, schubweise verlaufende Augenerkrankung Morbus Behçet verliert der Schüler über Nacht 80 Prozent seines Sehvermögens. Die niederschmetternde Diagnose ändert das Leben des unbekümmerten Jungen auf einen Schlag. Skateboard- und Fahrradfahren ist von heute auf morgen unmöglich. Lesen kann er nur mühsam mit der Lupe, Buchstabe für Buchstabe. In der Schule verliert er den Anschluss. Doch statt sich in sein Schicksal zu ergeben oder an der Situation zu zerbrechen, trifft Saliya Kahawatte als Jugendlicher die wohl wichtigste Entscheidung seines Lebens: Er beginnt zu kämpfen. „Ich war stets getrieben von dem Wunsch nach Selbstbestimmung und einem festen Platz in der Gesellschaft“, sagt er rückblickend. Schon vor 30 Jahren stand für den Sohn einer Deutschen und eines Singhalesen fest: „Ich will nach oben. Nicht an den Rand.“

Das hat der inzwischen überaus erfolgreiche Hamburger Unternehmer allen Widrigkeiten zum Trotz geschafft. Heute ist der 45-Jährige ein gefragter Business-Coach, Unternehmensberater und Buchautor. Der Weg dahin allerdings ist von Krisen und Tiefschlägen gezeichnet, die Saliya Kahawatte nicht nur einmal fast das Leben gekostet haben. Dass der dynamische, sportliche und selbstbewusste Mann in der Vergangenheit alkohol- und drogenabhängig war, mehrere Suizidversuche und einen monatelangen Aufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie hinter sich hat, glaubt ihm auf den ersten Blick wohl niemand. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass er aufgrund eines schweren Hüftschadens, einer vorangegangenen Krebserkrankung und seiner hochgradigen Sehbehinderung zu einhundert Prozent schwerbehindert ist. Einen Blindenstock braucht er nicht, wenn er sich zielstrebig durch sein Viertel bewegt. Auf dem Kiez, wo der Unternehmer seit Jahren in derselben kleinen Wohnung lebt, kennt er nahezu jede Ecke und jeden Winkel. Genau wie die noblen Restaurants und Bars, in denen er nach seiner Ausbildung zum Hotelfachmann fast 15 Jahre lang Karriere gemacht hat – ohne sein Handicap zu offenbaren. Dass er nahezu blind ist, merkten damals weder seine Vorgesetzten, noch die Gäste und Kollegen. Die Lebensgeschichte des 45-Jährigen klingt schier unglaublich. Seine Autobiografie „Mein Blind-Date mit dem Leben“, die er 2009 auf der Frankfurter Buchmesse und bei diversen Medienauftritten präsentiert, berührt und motiviert unzählige Menschen.

Sie beschreibt intensiv den entbehrungsreichen und schmerzhaften Weg, den Saliya Kahawatte zurücklegen musste, um das Wesentliche zu begreifen: „Ich habe gelernt, nicht gegen meine Behinderung zu arbeiten, sondern mit ihr. Dazu gehört, darüber zu sprechen und zu ihr zu stehen.“ Dieser Erkenntnis geht ein jahrelanger Kampf gegen sich selbst voraus, der den zielstrebigen jungen Mann über Höhen und Tiefen sowie schließlich zum totalen Zusammenbruch führt. Allem voran steht nach dem Abitur der feste Entschluss, einmal in den besten Hotels und Restaurants der Welt zu arbeiten. Der Weg dahin verlangt von dem Realschüler bereits eine Menge Fleiß und eisernen Willen. Berufsberater, Lehrer und Schulbehörde sprechen ihm die Fähigkeit ab, die Hochschulreife zu erlangen und raten zu einer Ausbildung in einer Behindertenwerkstatt. Diese Option kommt für den selbstbestimmten Jungen keine Sekunde lang in Frage. „Ich wusste schon damals: Um unabhängig und erfolgreich zu sein, brauche ich Bildung. Und das bedeutet Abitur statt Behindertenwerkstatt.“ Dass niemand an ihn glaubt, treibt den Jugendlichen mit der außerordentlich hohen Auffassungsgabe zusätzlich an. Er ist fest davon überzeugt, seine Ziele zu verwirklichen. Nach dem Verlust seiner Sehkraft hört er besser und mehr als zuvor. Räume und Entfernungen erfasst er durch Schalleindrücke, Menschen erkennt er an der Stimme und am Klang ihrer Schritte. All diese Fähigkeiten helfen ihm sehr bei der Verfolgung seiner Ziele. Der Schüler paukt die Nächte durch und lernt die Fachbücher auswendig, die Mutter und Schwester ihm vorlesen. Die beiden unterstützen ihn, während der Vater sich von seinem Sohn abwendet und die Familie verlässt. „Er hat mich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Das war sehr, sehr hart“, sagt Saliya Kahawatte heute.


Nachdem er seinen Abschluss geschafft hat, tut der Abiturient erstmals etwas, was er im Laufe der Jahre noch oft tun wird: Er verschweigt seine Sehbehinderung. Die Befürchtung, dass sein Traum andernfalls platzen wird, ist zu groß. Dass seine Täuschung nicht auffliegt und er die Ausbildung zum Hotelfachmann in Hannover erfolgreich abschließt, verdankt Saliya Kahawatte unbändigem Willen und enormer Einsatzbereitschaft. In unzähligen Überstunden lernt er, am Klang eines Glases zu erkennen, wie voll er es gießt. Auf einzudeckenden Tischen ertastet er die genaue Position von Serviette, Geschirr und Besteck. Im Weinkeller des Hotels prägt er sich nach Feierabend jedes einzelne Etikett mit der Lupe ein und merkt sich die Position jeder Flasche in den meterlangen Weinregalen. Er weiht nur ganz wenige Kollegen ein, die ihm helfen, wenn er beim Saugen Krümel auf dem Teppich übersehen hat oder die Symmetrie des Gedeckes nicht stimmt. Nach der erfolgreichen Ausbildung kellnert Saliya Kahawatte in einem noblen Fischrestaurant, steht hinter der Bar eines Fünfsternehotels und arbeitet schließlich sogar als Abteilungsleiter. Keiner seiner Arbeitgeber weiß von seiner Behinderung. Die unzähligen Überstunden, mit denen er sein Geheimnis vertuscht, bringen ihn an seine Grenzen, die Angst, entdeckt zu werden, zehrt an ihm. Als der Druck immer größer wird, beschließt der Gastronomie-Profi, sich mit seiner damaligen Partnerin selbstständig zu machen. In Hamburg eröffnet das Paar sein eigenes Bistro. Als der Laden nach kurzer Zeit brummt, wähnt sich der Gastronom mit 24 Jahren am Ziel seiner Träume. Umso niederschmetternder ist der erneute Schicksalsschlag, der Saliya Kahawatte wieder völlig unerwartet trifft.

Im gesamten Unterleib werden Krebsgeschwüre und Metastasen diagnostiziert, er muss sofort operiert werden. Um sich nach der zerrüttenden Chemotherapie körperlich wieder aufzubauen, trainiert er täglich im Fitnessstudio. Dort lernt er Alex kennen, mit dem ihn schon bald eine tiefe Freundschaft verbindet. Bis heute ist er der engste Vertraute des Hamburger Unternehmers. Als weitere Krankenhausaufenthalte folgen, übernimmt Alex für seinen Freund die Geschäftsführung des Bistros. Die aggressive Chemotherapie hat Saliya Kahawattes Hüftgelenk so stark angegriffen, dass es durch ein künstliches ersetzt werden muss. Die Schmerzen sind enorm. Zeitgleich sinkt sein Sehvermögen von zehn auf fünf Prozent.
„Plötzlich war ich nicht nur hochgradig seh-, sondern auch mobilitätsbehindert“, erinnert sich der 45-Jährige. „Ich spürte, wie sich die Schlinge um meinen Hals immer fester zuzog.“ Als sein Bistro bankrott geht und die Beziehung zerbricht, schafft er es erneut, sich selbst aufzurichten. Doch was dann kommt, übersteigt die Kräfte des zielstrebigen Kämpfers. Er findet eine neue Stelle als Leiter eines Gourmetrestaurants mit riesigem Weinkeller. Seine Behinderung verschweigt er nach wie vor, verschanzt sich in einem Kartenhaus aus Lügen und Heimlichkeiten. „Ich hatte keine andere Wahl“, sagt Kahawatte heute. „Denn die Realität hielt immer die gleiche Botschaft für mich bereit, die lautete: So, wie du bist, können wir dich hier nicht gebrauchen.“

Mit Alkohol, Drogen und Medikamenten versucht er, den psychischen Druck und die körperlichen Schmerzen zu betäuben. Nach ein paar Monaten ist Saliya Kahawatte endgültig am Ende. Seine Lebenslüge und die damit verbundenen jahrelangen Entbehrungen und Belastungen führen zum Zusammenbruch. Nach einer Serie von gescheiterten Suizidversuchen landet er 2003 in der geschlossenen Psychiatrie. Diese tiefste aller Krisen wird für den Kämpfer zum Wendepunkt. Er gesteht sich ein, dass er seine Behinderung nicht länger verschweigen kann. Nach der Therapie muss er für kurze Zeit in eine Behinderteneinrichtung, aus der er jedoch schnell wieder entlassen wird. Kahawatte nimmt sich eine Auszeit, reist nach Sri Lanka und entdeckt die buddhistischen Wurzeln seiner Familie wieder für sich. Die Regeln des Ayurveda und tägliche Meditation helfen ihm dabei, einen Schritt zu wagen, der jahrelang undenkbar war: Schonungslos legt er ab jetzt seine Behinderung offen. „Was bisher mein Schicksal war, sollte ab sofort meine Chance sein“, sagt er. Er beginnt ein Studium der internationalen Hotelbetriebswirtschaft. Als die Rentenversicherung ihm finanzielle Hilfe verweigert, nimmt der Hamburger Kontakt zu den Medien auf – mit Erfolg: Mit Hilfe einer staatlichen Finanzspritze schließt Saliya Kahawatte 2006 sein Studium mit der Note 1,9 ab.


„Damit bin ich weltweit der erste Mensch mit einer hochgradigen Sehbehinderung, der das geschafft hat“, sagt er. Dass seine mehr als 200 Bewerbungen trotzdem erfolglos bleiben, frustriert den Absolventen umso mehr. Was er immer schon befürchtet hat, bewahrheitet sich. Obwohl er in Hartz IV abrutscht, gründet er ohne Startkapital das heutzutage sehr erfolgreiche Unternehmen „minusVisus“ und bietet Coaching und Beratung auf Basis von Stimmenprofilen an. Die ersten drei Jahre glaubt niemand an das Konzept. Erst als 2009 seine Autobiografie erscheint, wendet sich das Blatt. Kaufkräftige Kunden werden auf Saliya Kahawatte aufmerksam, er wird zum gefragten Motivationstrainer und -redner. Heute leitet der Chef von zehn Mitarbeitern in Hamburg-Altona seine mittlerweile zwei Unternehmen. Beide Firmen operieren im In- und Ausland, zu den Kunden zählen börsennotierte Konzerne, Betriebe des Mittelstands und Privatpersonen. Aktuell wird seine Lebensgeschichte verfilmt, die nächstes Jahr in die Kinos kommen wird. 2016 bringt er zudem sein erstes Kochbuch auf den Buchmarkt. Ein Teil aller Erlöse soll in seine frisch gegründete Stiftung fließen. Im Fokus der Saliya-Stiftung steht die verbesserte, dauerhafte Integration von Menschen mit hochgradiger Sehbehinderung im ersten Arbeitsmarkt. „Wir brauchen einen neuen gesellschaftlichen Umgang mit behinderten Menschen, in dem das Handicap nicht als Fehler oder Schwäche gesehen wird“, appelliert der Unternehmer.

„Vielmehr sollten wir lernen, es als Alleinstellungsmerkmal wahrzunehmen, hinter dem sich spezifische Befähigungen und unkonventionelle, innovative Strategien verbergen können.“ Wenn Saliya Kahawatte über sein Schicksal spricht, schwingt keine Spur von Bitterkeit in seiner Stimme mit. Im Gegenteil: „Das, was ich heute bin, ist das Ergebnis von 30 Jahren harter Arbeit, mein Charakter die Summe der gesammelten Erfahrungen“, sagt der 45-Jährige. „Ich bin dankbar und demütig für alles, was ich erreicht habe.“

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Lebensspur Klaus Herzog

Klaus D. Herzog

Lebensspur Klaus D. Herzog

Preisträger 2019

„Entscheidend ist, den Blick auf die eigenen Stärken zu lenken. Es geht häufig viel zu sehr darum, was man augenscheinlich nicht kann. Dabei motiviert nichts mehr als Erfolgserlebnisse. Das ist der Schlüssel. Nur, wenn wir die Menschen stark machen, können sie ihren Lebensweg mit Stärke gehen."


Es ist kaum mehr als ein leichtes Nicken, wenn sich die Blicke treffen. Viel mehr braucht Klaus D. Herzog nicht, um sein Gegenüber einzuschätzen. Wenn er einem anderen Menschen im Rollstuhl begegnet, erkennt er sofort, ob derjenige „angekommen“ ist oder noch mit seinem Schicksal hadert. Wie sich das anfühlt, gegen das Unveränderbare zu kämpfen, weiß der 60‑Jährige nur zu gut. Auch er, der heute einen Großteil seiner Zeit damit verbringt, andere bei ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung zu unterstützen, brauchte Zeit, um sich an das Leben mit Rollstuhl zu gewöhnen. „Plötzlich nicht mehr laufen zu können, da hängt deutlich mehr dran, als nur die Beine nicht mehr bewegen zu können. Die Tragweite einer Querschnittlähmung lässt sich nicht leicht erfassen“, sagt Herzog.

Glück im Unglück

Es ist das Jahr 1980, Frühsommer, Klaus D. Herzog hat gerade die erste Abi-Prüfung geschrieben und genießt die Freiheit, ehe es nach dem Fachabitur für zwei Jahre zur Bundeswehr gehen soll. Mitten in dieser unbeschwerten Zeit ist es nur ein kurzer Augenblick, der alles verändert. Wie so oft schwingt sich der damals 21-Jährige auf sein Motorrad. Dass er vergessen hatte, den Seitenständer hochzuklappen, wird ihm erst nach dem Unfall klar. Herzog fliegt 20 Meter weit durch die Luft und bricht sich den ersten Lendenwirbel. Dabei hat er, wie er selbst sagt, Glück im Unglück: Nur einen halben Meter weiter, und er hätte den Sturz vermutlich nicht überlebt.

„Rollstuhl for ever“

Nach den Untersuchungen im Krankenhaus ist die Diagnose schnell klar: inkomplette Querschnittlähmung unterhalb des 1. und eine komplette unterhalb des 3. Lendenwirbels. „Rollstuhlfahrer for ever – so sagten es die Ärzte und so sah es definitiv aus“, blickt der gebürtige Oberfranke zurück. Es folgt ein Dreivierteljahr Krankenhausaufenthalt, in dem der gelernte Autoelektriker mit viel Kraft versucht, sich zurück in sein altes Leben zu kämpfen. Wahrhaben will er die Endgültigkeit seiner Diagnose nicht. „Die können mir viel erzählen, dachte ich mir damals“, sagt Klaus D. Herzog heute. Noch aus der „Anstalt“ heraus organisiert er sich ein umgebautes Auto, mit dem er sofort wieder viel herumfährt. Die noch fehlenden Fachabitur-Prüfungen macht er zum regulären Nachprüfungstermin im Krankenhaus. 


    Umzug und Studium

    Nach einem weiteren Dreivierteljahr zieht Herzog mit seiner damaligen Freundin nach Regensburg und fängt ein Studium der Elektrotechnik an. Alles ist plötzlich anders, und vieles muss komplett neu gelernt werden. Eine äußerst spannende, aber auch anstrengende Zeit für den jungen Mann, für den Autonomie extrem wichtig ist. „Ich ging in die Vorlesungen, sehr regelmäßig zwar, aber auch mit einer gewissen Nonchalance, abgesichert durch eine kleine Rente und aus einem gewissen Frust heraus über meine großen Verluste an körperlichen Möglichkeiten und Freiheiten“, erinnert er sich. Diese Einstellung ändert sich erst, als er die ersten fitten und aktiven Rollstuhlsportler kennenlernt.

     

    Der Wendepunkt

    „Die Jungs fuhren heiße Autos, hatten tolle Freundinnen, und waren, wie es mir schien, durch nichts zu erschüttern, das hat mich damals völlig begeistert und motiviert“, erinnert er sich.  Und sie sind nicht nur im Sport aktiv, sondern weit darüber hinaus. Mit Beruf, Familie, Kindern und ehrenamtlichem Engagement „stehen“ diese Niederbayerischen Büffel fest im Leben. Diese neuen Perspektiven sorgen für einen Wendepunkt. Die Zeit im Krankenhaus, in denen Herzog eine echte „Weißkittel-Phobie“ entwickelt hat, verblasst endlich. „Zum ersten Mal seit meinem Unfall ging es nicht immer nur darum, was ich nicht kann, sondern darum, welche Stärken und damit verbundenen Möglichkeiten ich habe“ – eine Erkenntnis, die zu einem wichtigen Schlüssel in seinem weiteren Lebensweg wird.

    Erste Vereinsgründungen

    Nach drei Jahren Rollisport in Straubing gründet Herzog mit einigen Leuten in Regensburg einen eigenen Verein und wird erster Vorsitzender der „Sportgemeinschaft Behinderter und Nichtbehinderter an der UNI Regensburg e.V.“ (SG BeNi). Der Verein zählt schnell 100 Mitglieder, verzeichnet mehrere Sparten wie eine integrative Basketball-Gruppe, ein Schwimmangebot und Klaus D. Herzogs neues Steckenpferd: die Kinder- und Jugendarbeit. Zudem bauen er und seine Mitstreiter eine Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung auf und gründen den Verein „Vorsicht Behinderung!“. Beide Vereine bringen das Projekt Phönix auf den Weg. Phönix ist heute ein ambulanter Pflegedienst mit rund 120 Mitarbeitern, bietet nach wie vor ein umfangreiches Beratungsangebot und ist ein wesentlicher Bestandteil im Rahmen der offenen Behindertenarbeit in Regensburg. Zu Beginn des Studiums lernt Herzog seinen späteren besten Freund Herbert kennen, der ebenfalls im Rollstuhl sitzt. Die beiden werden ein Dream Team in Sachen neue sportliche Aktivitäten: „Wir probierten alles aus, bauten uns erste Mono-Skis und Handbikes und paddelten auf der Donau herum. Ich war bei einem internationalen Autorennen für körperbehinderte Fahrer in der Tschechoslowakei und bei einem Entwicklungs-Projekt zum Aufbau von Behindertensport mit Auto-Rally in Moskau, damals noch Sowjetunion“, erinnert sich der heute 60-Jährige.


    Große Umbrüche

    Sechs Jahre nach der Trennung finden Lul Autenrieb und Omar 2005 erneut zusammen und leben seit 14 Jahren mit ihren Kindern in Bonn Neu-Tannenbusch. Zu dieser Zeit weitet die gut vernetzte Ehrenamtlerin ihr Engagement auf politischer Ebene aus. Sie wird Botschafterin für die Deutsch-Somalische Gesellschaft in Tannenbusch und stößt 2008 mit Unterstützung der Organisation „Terre des Femmes“ die Anerkennung von Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen als Asylgrund an. In Berlin sprechen Lul Autenrieb und ihre Mitstreiterinnen bei der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen vor, die dieses Anliegen unterstützen. Mittlerweile ist es als geltendes Recht umgesetzt worden – für die 59-Jährige eine echte Herzensangelegenheit: „Es ist gut zu sehen, dass man etwas bewirken kann, indem man sich einsetzt und auch tabuisierte Themen laut benennt. In diesem Falle können jetzt viele Mädchen und Frauen geschützt werden“. Obwohl sie seit mehr als vier Jahrzehnten in Deutschland lebt, ist die gebürtige Somalierin in Gedanken oft bei den Opfern des bestialischen Brauchs: „In dem Land, in dem ich geboren werde, leiden so viele Frauen und Mädchen. Ich möchte meine Stimme erheben und der Welt mitteilen, wie schrecklich das ist.“ Regelmäßig wird die Verfechterin von Menschenrechten zu Veranstaltungen und Vorträgen geladen. Auch in der Flüchtlingshilfe ist Lul Autenrieb weiterhin aktiv. Nach einer entsprechenden Schulung bei der Stadt Bonn ist sie seit 2009 als ehrenamtliche Integrationslotsin im Einsatz und unterstützt seither Menschen mit Migrationshintergrund bei verschiedensten Schwierigkeiten und Herausforderungen. Im gleichen Themenfeld gibt sie über das katholische Bildungswerk den Integrationskurs „Ankommen“, in dem sie neu angekommenen Menschen, aber auch Menschen, die sich noch nicht gut auskennen, das Leben und das Miteinander in Deutschland nahebringt.

    Authentische Vorbilder

    Durch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Rollstuhl merkt Herzog schnell, wie wichtig sein bester Freund Herbert und er als authentische Ansprechpartner für die jungen Menschen sind. Nach jeder Sportstunde werden die beiden Trainer mit Fragen überschüttet: „Wie, du sitzt echt auch im Rollstuhl?“, „Wie kommst Du allein ins Bett, aufs Klo und vor allem ins Auto?“. Fragen über Fragen, von den beiden spielend leicht zu beantworten und vorzuleben – für die Kinder und ihre Eltern lebenswichtige Hilfestellungen. „Das besondere war, dass wir, eine neue Generation von Rollstuhlfahrern, unser Schicksal selbst in die Hand nahmen“, sagt Herzog rückblickend. „Wir wollten nicht, dass uns jemand von oben herab sagt, wie wir zu leben haben. Nicht das Wieder-Laufen-können war unser oberstes Ziel, sondern aktiv zu sein und sich damit einen großen Aktionsradius zu schaffen. So wurden wir zu authentischen Vorbildern für Andere.“

    Vielseitig engagiert

    „Experten in eigener Sache“ nennt Klaus D. Herzog die Zauberformel, dank derer er und seine Mitstreiter auf überregionaler Ebene viel bewegen. Sie entwickeln Sportprogramme und Beratungsangebote. Zusammen mit Herzogs Freundin Ute Frantzen bringen sie die DRS RolliKids auf den Weg und schaffen Strukturen für heute über 100 Vereine in Deutschland und weit darüber hinaus. Unter dem Motto „Wir sind wesentlich mehr als nur ein Sportverband“ zeigen sie Wege und Perspektiven auf und leben diese vor – getreu dem Leitbild „mobil – mittels eines gut angepassten Rollstuhles, aktiv – durch Rollstuhlsport, selbstbestimmt – im Leben, kurz: Mobiaki.“ Dieses Motto zieht immer größere Kreise. Ab 1990 gestaltet ein Team um Ute Frantzen und Klaus D. Herzog Rollstuhl-Trainingskurse und Übungsleiter-Fortbildungen in der Schweiz. 1991 ist Herzog aktiver Teilnehmer an einer Handicap-Skistudienreise in die USA, besucht internationale Kongresse, trägt über seine Kontakte zum Aufbau von Mobilitätstrainingskursen in Österreich bei und organisiert Jugendaustausch-Projekte für Kinder und Jugendliche in Ungarn und Tschechien. Herzog engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft Spina Bifida (ASbH), wird Übungsleiter für die Deutsche Gesellschaft für Osteogenesis imperfecta (Glasknochen), den Bundesverband Körper- und Mehrfachbehinderter, die MS-Gesellschaft und für Polio-Erkrankte. Er berät die Fördergemeinschaft der Paraplegiker (FgQ), ist ehrenwertes Mitglied in der Deutschsprachigen Medizinischen Gesellschaft für Paraplegiologie e.V. (DMGP) und hält Vorträge für die Deutsche Vereinigung für Rehabilitation (DVfR). 2012 werden die DRS RolliKids von der DVfR mit der Kurt-Alphons-Jochheim-Medaille für ihre Arbeit ausgezeichnet. Zudem organisiert Herzog internationale Mobilitätscamps für Kindern mit spinaler Muskelatrophie in Italien und Sport-aktiv-Wochen für Rollstuhlfahrer auf Teneriffa. Zudem sucht und pflegt er den Kontakt zu diversen Förderern, die die Rollikids unterstützen und verwaltet den Fundus von über 50 Rollstühlen, die für inklusive Schulprojekte eingesetzt und an bedürftige Kinder vermittelt werden. So waren es in den letzten 30 Jahren mehr als 1000 Familien, denen Klaus D. Herzog Hilfe zur Selbsthilfe geben konnte.

    Bewegtes Leben

    Auch privat führt Klaus D. Herzog ein bewegtes Leben. 1993 heiraten er und Ute Frantzen, seither pendelt er zwischen Regensburg und dem Rheinland. Gemeinsam mit vielen Helfern sanieren sie ein altes Fachwerkhäuschen und schaffen sich ein Refugium, das zum Vereins-Basislager und einer echten Villa Kunterbunt für Alle wird. Ein Jahr lang lebt ein Pflegekind bei den Herzogs und im Jahr 2000 kommt Tochter Samira zur Welt. „Ich führe ein reiches Leben“, sagt der 60-Jährige, der sich auch gesellschaftspolitisch für Inklusion engagiert. „Wenn uns das gelingt, dann haben wir eine andere Gesellschaft. Dann ist jeder so, wie er ist, richtig und wichtig für die Gemeinschaft. Nur so kann Inklusion funktionieren.“ Das beginnt für ihn besonders bei den Kindern: „Entscheidend ist, den Blick auf die eigenen Stärken zu lenken. Häufig geht es viel zu sehr darum, was man nicht kann. Dabei motiviert nichts mehr als Erfolgserlebnisse. Das ist der Schlüssel. Nur, wenn wir die Menschen stark machen, können sie ihren Lebensweg mit Stärke gehen.“

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    Lebensspur Lul Autenrieb

    Lul Autenrieb

    Lebensspur Lul Autenrieb

    Preisträgerin 2019

    "Ich wünsche mir, dass auch die Schwächsten gehört werden und die Chance bekommen, sich zu wehren. Bis dahin werde ich weiterhin meine Möglichkeiten nutzen und als Sprachrohr für all diejenigen, die nicht sprechen können, besonders für die Rechte von Frauen und Kindern kämpfen.“


    Traumatisiert, angsterfüllt, allein in einem fremden Land. Dass Lul Autenrieb die schockierende Diagnose zunächst nicht erfassen kann, liegt nicht nur an der unbekannten Sprache. Als die Ärzte in der Bonner Uniklinik der jungen Somalierin auf Englisch erklären, dass sie den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen muss, wird die damals 17-Jährige völlig aus der Bahn geworfen. „Ein Jahr lang dauerte dieser Zustand, in dem ich lieber gestorben wäre, als zu leben“, sagt Lul Autenrieb heute. Die Emotionen, die sie damals überwältigen, sind ihr auch Jahrzehnte später noch sehr präsent. Die Wut und der Hass dem Mann gegenüber, der ihr das Unbeschreibliche angetan hat, werden überstrahlt von dem Gefühl tiefer Dankbarkeit, überlebt zu haben. Und von dem Stolz auf sich selbst, bis heute für sich und die Rechte unzähliger anderer Frauen und Mädchen zu kämpfen – und viel zu bewirken.

    Zwang und Gewalt

    Mitte der 1970er Jahre in Somalia hat das willensstarke junge Mädchen keine Chance, sich zu verteidigen. Zum ersten Mal wird Lul Autenrieb im Alter von sechs Jahren zum Opfer brutaler Gewalt. Ihr Vater folgt der qualvollen Tradition seiner Heimat und lässt die Genitalien seiner Tochter verstümmeln. Mit Abscheu erinnert sich die heute 59-Jährige an das Fest, das zu Ehren des barbarischen Akts gefeiert wurde. Schätzungsweise 98 Prozent aller Mädchen werden in dem afrikanischen Staat beschnitten, bis heute sterben viele an den Folgen des Eingriffs. Zehn Jahre später kämpft Lul Autenrieb erneut um ihr Leben. Wieder entscheidet der Vater gegen den Willen seiner Tochter, diesmal zwingt er sie zur Hochzeit mit einem älteren Mann. „Die Ehe war von Gewalt und Missbrauch geprägt“, blickt sie zurück. Mehrfach flieht das Mädchen zurück zu seiner Familie. Nach der letzten Flucht dringt ihr Ehemann durch das Fenster in Lul Autenriebs Elternhaus ein und versucht, seine Frau mit 28 Messerstichen zu töten. Einer davon durchtrennt ihr Rückenmark. Als die 17-Jährige Wochen später aus dem Koma erwacht, erfährt sie, dass sie gelähmt ist.

    Unerwartete Hilfe

    Dass sie den Mordanschlag überlebt hat, verdankt die junge Frau ihrem Onkel, zur damaligen Zeit Verteidigungsminister Somalias. Er nutzt seine internationalen Kontakte, vor allem zu Manfred Opländer, dem damaligen Pressesprecher der CDU unter Helmut Kohl, um seine Nichte zur besseren medizinischen Betreuung nach Deutschland bringen zu lassen. „Manfred Opländer besuchte mich noch am selben Tag und hat seitdem meinen Lebensweg begleitet“, sagt Lul Autenrieb. Er wird eine Art Mentor und ist auch derjenige, der verhindert, dass die damals 17‑Jährige während der laufenden Behandlung vom Auswärtigen Amt zurück nach Somalia geschickt wird. Opländer ist einer der Menschen, der ihr Kraft gibt, sich in dem fremden Land zurechtzufinden. Schnell entwickeln sich Kontakte zu anderen Patienten. Zwei der Schwestern kümmern sich besonders liebevoll um die junge Somalierin, besorgen ihr Kleidung und nehmen sie gelegentlich übers Wochenende in ihren Familien auf. „Ich war zu der Zeit ja fast noch ein Kind, stand nach wie vor unter Schock und Deutschland war für mich eine neue, unbekannte Welt“, blickt die 59-Jährige zurück. 

     


    Ein freies Leben

    Die deutsche Sprache zu lernen, fällt Lul Autenrieb leicht. Viel schwieriger ist es für sie, zu begreifen, dass sie von nun an in Freiheit lebt und Rechte hat. Der Mann, der sie bei diesem Prozess unterstützt, wird zur Schlüsselfigur in ihrem neuen Leben. Die junge Frau lernt ihren späteren zweiten Mann Oskar Autenrieb in der Reha kennen, die sich an den Krankenhausaufenthalt anschließt. Er besucht einen anderen Patienten, die beiden kommen ins Gespräch. „Erst hat sich eine tiefe Freundschaft entwickelt, die später zu Liebe wurde“, erinnert sich Lul Autenrieb. Bevor die beiden 1984 heiraten können, muss die damals 24-Jährige erneut nach Somalia reisen, um die nötigen Unterlagen für die Scheidung von ihrem ersten Ehemann zu beschaffen. Der Gewalttäter, mittlerweile wieder auf freiem Fuß, bedroht seine Frau erneut. Wieder hilft Lul Autenriebs Onkel ihr, außer Landes zu reisen. 

    Erneuter Schicksalsschlag

    Nach der Hochzeit zieht das Paar in die Kruppsiedlung in Duisburg-Rheinhausen. Lul Autenrieb blüht in der Siedlungsgemeinschaft und der dortigen Kirchengemeinde auf und engagiert sich im Frauencafé – der Beginn eines jahrzehntelangen sozialen Engagements auf etlichen Ebenen. „Ich habe damals eine Gemeinschaft und ein Miteinander kennengelernt, das in dieser Form neu für mich war und aus dem ich viel Kraft schöpfen konnte“, sagt sie heute. Lul Autenrieb ist zum ersten Mal seit langer Zeit wieder glücklich. „Mein Mann Oskar hat mich sehr geprägt. Durch ihn habe ich erstmals einen respektvollen Umgang und meinen ebenbürtigen Wert als Frau in der Partnerschaft und in der Gesellschaft erfahren.“ Wie fragil dieses Glück ist, wird deutlich, als Oskar an Lungenkrebs erkrankt. Er liegt bereits dauerhaft im Krankenhaus, als die beiden erfahren, dass sie ein Kind erwarten. Doch wenige Monate vor der Geburt seiner Tochter verliert er 1988 den Kampf gegen den Krebs.

    Im Einsatz für Andere

    Lul Autenrieb findet Trost in ihrem Glauben und ihrem ehrenamtlichen Engagement. Sie ist inzwischen in der Flüchtlingshilfe aktiv und lernt darüber ihren dritten Ehemann Omar kennen. Die beiden bekommen zwei Söhne und betreiben einen Tante-Emma-Laden in Duisburg, dessen Räumlichkeiten zur Begegnungsstätte für geflüchtete Menschen wird. „Die Arbeit gab mir Kraft, es tat mir gut, etwas zurückgeben zu können.“ Doch privat macht Lul Autenrieb eine schwere Zeit durch. Die Beziehung zu Omar scheitert, sie sucht Abstand und wagt gemeinsam mit ihren drei Kindern einen Neuanfang in Bonn. Die aufgeschlossene, kontaktfreudige Frau lernt schnell neue Mitstreiter kennen, mit denen sie kostenlos Nachhilfe und Hausaufgabenhilfe für geflüchtete Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund gibt. Dass sie deutsch, somalisch, arabisch, italienisch und englisch spricht, kommt ihr bei der Arbeit zugute.


    Engagement auf allen Ebenen

    Sechs Jahre nach der Trennung finden Lul Autenrieb und Omar 2005 erneut zusammen und leben seit 14 Jahren mit ihren Kindern in Bonn Neu-Tannenbusch. Zu dieser Zeit weitet die gut vernetzte Ehrenamtlerin ihr Engagement auf politischer Ebene aus. Sie wird Botschafterin für die Deutsch-Somalische Gesellschaft in Tannenbusch und stößt 2008 mit Unterstützung der Organisation „Terre des Femmes“ die Anerkennung von Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen als Asylgrund an. In Berlin sprechen Lul Autenrieb und ihre Mitstreiterinnen bei der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen vor, die dieses Anliegen unterstützen. Mittlerweile ist es als geltendes Recht umgesetzt worden – für die 59-Jährige eine echte Herzensangelegenheit: „Es ist gut zu sehen, dass man etwas bewirken kann, indem man sich einsetzt und auch tabuisierte Themen laut benennt. In diesem Falle können jetzt viele Mädchen und Frauen geschützt werden“. Obwohl sie seit mehr als vier Jahrzehnten in Deutschland lebt, ist die gebürtige Somalierin in Gedanken oft bei den Opfern des bestialischen Brauchs: „In dem Land, in dem ich geboren werde, leiden so viele Frauen und Mädchen. Ich möchte meine Stimme erheben und der Welt mitteilen, wie schrecklich das ist.“ Regelmäßig wird die Verfechterin von Menschenrechten zu Veranstaltungen und Vorträgen geladen. Auch in der Flüchtlingshilfe ist Lul Autenrieb weiterhin aktiv. Nach einer entsprechenden Schulung bei der Stadt Bonn ist sie seit 2009 als ehrenamtliche Integrationslotsin im Einsatz und unterstützt seither Menschen mit Migrationshintergrund bei verschiedensten Schwierigkeiten und Herausforderungen. Im gleichen Themenfeld gibt sie über das katholische Bildungswerk den Integrationskurs „Ankommen“, in dem sie neu angekommenen Menschen, aber auch Menschen, die sich noch nicht gut auskennen, das Leben und das Miteinander in Deutschland nahebringt.

    Vielfältige Themen

    In ihrem Stadtteil gibt es wohl kaum jemanden, der die hilfsbereite, warmherzige Frau nicht kennt. Seit zehn Jahren ist sie im Rahmen der Quartiersentwicklung „Soziale Stadt Neu-Tannnenbusch“ aktiv und engagiert sich in vielfältigen Projekten. Gleichzeitig hat sie die Selbsthilfegruppe „Flucht und Gewalt macht krank“ sowie das Internationale Frauen- und Familienforum gegründet, das Raum zum Austausch über Themen wie Gleichstellung, Religion, häusliche Gewalt, Gesundheit, Genitalverstümmelung, Trennung und Scheidung gibt. Seit 2015 ist Lul Autenrieb Inklusionsbotschafterin der „Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben Deutschland e.V.“ (ISL e.V.) und engagiert sich in der Gruppe „Frauen*Streik“ für Menschen- und Frauenrechte.

    Der Kampf geht weiter

    Fertig ist Lul Autenrieb mit ihrem Einsatz noch lange nicht. „Ich wünsche mir, dass auch die Schwächsten gehört werden und die Chance bekommen, sich zu wehren. Bis dahin werde ich weiterhin meine Möglichkeiten nutzen und als Sprachrohr für all diejenigen, die nicht sprechen können, besonders für die Rechte von Frauen und Kindern eintreten und kämpfen.“ Kraft dafür bekommt sie von ihrer Familie und besonders von ihrer kleinen Enkeltochter Mila, die ihrer Großmutter viel Freude bereitet. An die Vorurteile, die ihr im Laufe der Jahre als zwischenzeitlich alleinerziehenden Mutter im Rollstuhl entgegengeschleudert wurden, kann sich Lul Autenrieb lebhaft erinnern. „Natürlich war es eine harte Zeit. Aber ich habe allen und auch mir selbst gezeigt, dass ich die Kraft habe, diese Aufgabe zu meistern.“

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    Lebensspuren

    Barbara Breuer Lebensspur Auszeichnung

    Besondere Lebenswege

    Lebensspur Auszeichnungen

    Durch unsere Arbeit bei der Stiftung Lebensspur e.V. begegnen uns immer wieder Menschen mit beeindruckenden Lebenswegen, die eine Auszeichnung und ihren Platz im Rampenlicht verdienen. Ihre Einstellungen, ihr Mut und Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen, machen sie zu wertvollen Vorbildern für Menschen mit und ohne Behinderung. In unregelmäßogen Abständen zeichnen wir eine bzw. einen von ihnen aus. 

    Wir freuen uns sehr, den Preisträgerinnen und Preisträgern diese Aufmerksamkeit und den Raum für ihre Mutmachergeschichten geben zu dürfen.

    Lul Autenrieb –
    1960 geboren, lebt in Bonn

    Form der Behinderung:
    Querschnittlähmung

    Interessen:
    Politik, Menschenrechte, Gedichte schreiben

    Motivation & Antrieb:
    „Die vielen Menschen und besonders die Frauen, denen ich helfen konnte. Das Gefühl, etwas bewegen zu können und etwas zurückgeben zu dürfen, gibt mir Kraft.“

    Ihre Geschichte

    Klaus D. Herzog –
    1959 geboren, lebt in Hennef

    Elektro-Ingenieur

    Form der Behinderung: Querschnittlähmung

    Interessen:
    Menschen, philosophieren, fotografieren, Kunst: lesen, Theater…, Freude an der Bewegung

    Motivation & Antrieb:
    „Meine Berufung: Die Arbeit mit den Rolli-Kindern und ihren Familien, von denen so viel zurückkommt. Die sind mir auf die Füße getreten und nicht mehr runtergegangen.“

    Seine Geschichte

    Saliya Kahawatte –
    1969 geboren, lebt in Hamburg

    Business-Coach, Unternehmensberater, Vortragsredner und Buchautor

    Form der Behinderung: hochgradiger Sehbehinderung und schwerer Hüftschaden

    Interessen:
    Sport, reisen, kochen, Ayurveda, Meditation

    Motivation & Antrieb:
    Neben seinen engsten Vertrauten ist das eigene Rückgrat seine wichtigste Stütze: „Egal, wie tief ich sinke, ich richte mich immer wieder selbst daran auf.“

    Seine Geschichte

    Michael Kempf –
    1964 geboren, lebt in St. Ingbert (Saarland)

    Zimmerermeister, Inhaber und Geschäftsführer des Familienbetriebs J. Kempf Holzbau GmbH in dritter Generation

    Form der Behinderung: Querschnittslähmung

    Interessen:
    Segeln, Handbike fahren, seine zwei Labradore, handwerkliche Holzarbeiten

    Motivation & Antrieb:
    Die große Liebe zu seinem Beruf, der elterliche Betrieb und das feste Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Zudem sind seine Familie, gute Freunde und langjährige Mitarbeiter eine wichtige Stütze.

    Seine Geschichte

    Dzenan Dzafic –
    1983 geboren, lebt in Aachen

    Informatiker

    Form der Behinderung: Tetraspastiker

    Interessen:
    Kino, Martial-Arts-Filme, mit Freunden ausgehen

    Motivation & Antrieb:
    "Ich möchte nicht nur zur Elite gehören, sondern meine Eltern und die Eltern meines verstorbenen besten Freundes finanziell absichern, bevor ich mich auch von der Welt verabschiede."

    Seine Geschichte

    Johannes Grasser –
    1989 geboren, lebt in Köln

    Sport-Student (Master)

    Form der Behinderung: Tetraspastiker

    Interessen:
    Sport und Singen

    Motivation & Antrieb:
    "Mir war schon immer klar: Ich will etwas aus meinem Leben machen. Und wenn ich vorankommen will, muss ich etwas dafür tun!

    Seine Geschichte

    Katharina Kirch –
    1986 geboren, lebt in Merseburg

    Kultur- und Medienpädagogin, Programmleiterin

    Form der Behinderung: Mukopolysaccharidose (MPS)

    Interessen:
    Filme schneiden, Malen, Basteln, Musik, Theater, Rollstuhltanz

    Motivation & Antrieb:
    Der Rückhalt ihrer Familie hat ihr Kraft gegeben, etwas aus ihrem Leben zu machen. "Sie haben mir immer den Mut und Optimismus zugesprochen, den ich brauchte, um weiterzumachen."

    Ihre Geschichte

    Dr. Siegfried Saerberg –
    1961 geboren, lebt in Wiehl

    Soziologe, Musiker, Künstler und Schriftsteller

    Form der Behinderung: Blindheit

    Interessen:
    Musik, Schreiben, Natur, Reise

    Motivation & Antrieb:
    "Die größte Kraftquelle sind seine Frau und die beiden gemeinsamen Töchter. Bei langen Streifzügen durch die Natur findet er Inspiration für sein künstlerisches Schaffen."

    Seine Geschichte

    Jana Buchbauer –
    1987 geboren, lebt in Passau

    Informatik-Studentin (Master)

    Form der Behinderung: Pilozytisches Astrozytom (Gehirntumor)

    Interessen:
    Lesen, Kochen, Reisen

    Motivation & Antrieb:
    "Meine Familie. In all den Jahren und auch heute noch habe ich bei ihnen jederzeit Rückhalt und Unterstützung gefunden. Dieses Wissen gibt mir Kraft."

    Ihre Geschichte

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